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Wer beabsichtigt, seine Existenzdauer selbst zu bestimmen, steht früher
oder später vor der Frage, ob er das Recht dazu hat. Er wird auf
Einwände stoßen wie: das Rentensystem könnte zusammenbrechen, es droht
Überbevölkerung, der Rekonstruktionsaufwand ist nicht gerechtfertigt
oder die Evolution wird behindert. Eventuell sind solche Einwände
berechtigt. Aber es ist völlig unklar, ob am Tag X das Rentensystem noch
existiert, tatsächlich Überbevölkerung droht oder eine Rekonstruktion
nennenswerten Aufwand verursacht. Auch die Natur scheint nichts
Prinzipielles gegen eine unbegrenzte Lebensspanne zu haben, denn die
meisten Einzeller sind praktisch unsterblich. Kürzlich entdeckte der
Meeresbiologe Ferdinand Boero von der italienischen Universität Lecce
sogar eine im Mittelmeer lebende Quallenart (Turritopsos nutricula), die
sich durch Rückentwicklung ihrer Körperzellen (Dedifferenzierung)
regenerieren kann. |
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Doch um es vorweg zu nehmen, ich habe keine
unwiderlegbaren Argumente für eine selbstbestimmte Existenzdauer. Es ist
zwar leicht, zu jedem Einwand auch ein vernünftig erscheinendes
Gegenargument zu finden, aber da niemand in die Zukunft sehen kann,
besitzen weder Pro noch Kontra ein stabiles Fundament. Auch
gesellschaftliche Maßstäbe sind keine verlässlichen Anhaltspunkte. Man
beachte nur, wie schnell sich die Einstellung zur Organspende, zur
Abtreibung und zum Kloning verändert. Letztlich muss wohl jeder für sich
entscheiden, ob er seine Existenz verlängern darf. Doch den
schwerwiegenden Einwand, dass die RAMCES-Methode die Evolution behindert,
möchte ich zumindest versuchen zu entkräften. Die drei wichtigsten
Argumente dazu sind: |
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"alte" Genome bereichern den Genpuhl genauso wie neue |
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genetische Anpassungen sind nachträglich möglich |
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der Einfluss auf die Evolution ist wegen der relativ kurzen Zeiträume
gering |
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Um Letzteres zu verdeutlichen, ist es nützlich, die 3,6 Milliarden Jahre
Evolution im 24-Stunden-Zeitraffer zu betrachten. |
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0.01 Uhr (vor ca. 3,6 Milliarden Jahren) |
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Blaualgen und Stromatolithen hinterlassen Spuren auf der Erde. Sie
gehören zu den frühesten bekannten Lebensformen, die mit Hilfe der DNS
(Desoxyribonukleinsäure) identische Kopien von sich herstellen konnten.
Vermutlich entwickelten sie sich aus einfachen selbstverdoppelnden
Moleküle. Wann solche Moleküle zum ersten Mal auftraten ist unklar. |
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19.16 Uhr (vor 700 Millionen Jahren) |
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In den vergangenen 19 Stunden, gab es nur einzellige Mikroorganismen,
deren Anpassungsfähigkeit sich durch Auslese und Verschmelzen genetischen
Wissens erhöht. Nach und nach bilden sich immer komplexere Zellverbände.
Zwischen den einzelnen Zellen entsteht eine Art Arbeitsteilung, wodurch
sich die Anpassungsfähigkeit wiederum erhöht. So entwickeln sich
Quallen, Schnecken, Muscheln, Ringelwürmer und Trilobiten. |
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20.43 Uhr (vor 480 Millionen Jahren) |
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Zarte Pflanzen (Psilophyten) besiedeln das Land. Den Pflanzen folgen die
Tiere. Hauptsächlich sind es Spinnen, Würmer, Tausendfüßler. Während
jener Epoche entwickeln sich im Wasser die Urfische. Sie besitzen über
eine Wirbelsäule. |
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21.28 Uhr (vor 370 Millionen Jahren) |
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Amphibien bevölkern das Land. Tausendfüßer, Libellen und Skorpione
bilden Riesenformen. |
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22.17 Uhr (vor 250 Millionen Jahren) |
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Über 90% aller Arten sterben aus. Die besser angepassten Echsen treten an
ihre Stelle
die Vorfahren der Saurier. Zur gleichen Zeit entwickeln sich
aus den Echsen kaninchengroße warmblütige Arten mit Fell. Diese
Vorläufer der Säugetiere führen im Zeitalter der Saurier ein eher
unauffälliges Leben. |
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23.35 Uhr (vor 60 Millionen Jahren) |
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Die Primaten entwickeln sich. Sie sind die Vorfahren der Menschenaffen und
der Menschen. |
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23.59 Uhr (vor 2,5 Millionen Jahren) |
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Es erscheinen die frühen Urmenschen in Afrika. Sie stellen einfache
Werkzeuge her. |
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0,3 Sekunden vor 24 Uhr (vor 12 000 Jahren) |
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Die letzte Eiszeit endet. Mammut, Wollnashorn und Höhlenbär sterben aus.
Der Mensch ist fähig sich aufgrund seines hochentwickelten Gehirns an
unterschiedliche Umweltbedingungen anzupassen. |
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0,01 Sekunden vor 24 Uhr (vor ca. 400 Jahren) |
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Johannes Kepler stellt die drei Gesetze über die Planetenbewegungen auf.
Damit befindet sich im Bewusstsein der Menschen die Erde nicht mehr im
Mittelpunkt der Welt. |
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0,001 Sekunden vor 24 Uhr (im Jahre 1946) |
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ENIAC, der erste elektronische Großrechner hilft bei der Lösung
zeitaufwendiger mathematischer Probleme. Die Menschheit ist ab jetzt in der Lage sich auszulöschen. |
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24.00 Uhr (heute) |
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Kinder spielen mit Computern, deren Leistungsfähigkeit mehr als 1 000
000-mal höher ist, als die des ENIAC. Virtuelle Räume und weltweite
Kommunikationsnetze entstehen. Das Wirken der Menschen verändert die
Umweltbedingungen auf der Erde ... |
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0,05 Sekunden nach 24 Uhr (im Jahre 4 000) |
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Die Zeitrafferbetrachtung verdeutlicht die sich ständig erhöhende
Evolutionsgeschwindigkeit. Dennoch gab es offenbar in den letzten 10 000
Jahren beim Menschen keine nennenswerten genetischen Veränderungen. Immer
noch sind wir die Jäger und Sammler, die wir waren, auch wenn sich die
Objekte der Begierde änderten. Vermutlich sind wir nicht einmal
wesentlich klüger als Menschen der Steinzeit. |
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Demgegenüber sind in den vergangenen Jahrhunderten die
technischen Fähigkeiten exponentiell gewachsen. Unser Leben verändert
sich gegenwärtig hauptsächlich durch eine Evolution der Denkmuster und
Werkzeuge. Dabei scheinen ähnliche Prinzipien wie bei der biologischen
Evolution zu gelten. So bevorzugt diese Art der Evolution Effektivität,
nutzt Informationen als Triebfeder, strebt nach Raum und ist ähnlich
unberechenbar. |
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Das neue Kind der Evolution: Technik |
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Der Schluss liegt nahe, dass die Evolution unseres
Genoms nicht einmal in den nächsten 4 000 Jahren (oder, um im Vergleich
zu bleiben, in der nächsten Zehntelsekunde) einen nennenswerten Einfluss
besitzt. Eher kommt es zu künstlichen Veränderungen. Schon plädieren
die Ersten dafür, ihren genetischen Code nach persönlichen Vorlieben
beeinflussen zu dürfen. Vermutlich werden ethische Bedenken schon an dem
Tage über Bord geworfen, an dem ein genetisch aktives Mittel gegen
Hautalterung auf dem Markt erscheint. |
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Eine schnelle künstliche Evolution des menschlichen
Genoms wäre aber erst recht kein tragfähiger Einwand, da sich der
Rekonstruierte nachträglich mit Erbmaterial seiner Wahl ausrüsten
könnte
genauso wie heute jeder versucht, sich die für ihn jeweils
geeignetsten Denkmuster und Technologien anzueignen. |
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