Wer seine Rekonstruktionsvoraussetzungen herstellen möchte, benötigt eine überzeugende Antwort auf die Fragen, wer der Rekonstruierte ist beziehungsweise wessen Leben er führt.
 

 

 

 

 

    Ein Leser schrieb mir mal: "Der Rekonstruierte ist lediglich eine Kopie des Anwenders, die davon überzeugt ist, der Anwender zu sein und dessen Leben weiterzuführen." Auch wenn es abwertend gemeint war, es ist eine akzeptable Antwort auf die Identitätsfrage. Allerdings trifft sie, streng genommen, für jeden Menschen zu. Wir sind immer Kopien von uns selbst und manchmal sogar nicht einmal besonders genaue. Der Mensch befindet sich im ständigen Wandel. Jede Sekunde werden neun Millionen Zellen10 durch ähnliche Kopien ausgetauscht; innerhalb von wenigen Jahren sind fast alle Atome durch den Stoffwechsel ausgewechselt. Sogar eine kurze Nachricht etwa über eine Gefahr kann unser ganzes Denken und Handeln innerhalb kurzer Zeit für immer verändern. Noch drastischer sind die Veränderungen nach einer Krankheit oder nach einem Koma. So gesehen, gibt es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einem aus dem Koma erwachten und einem aus der RAMCES-Rekonstruktion erwachten Menschen beide können mit gleichem Recht davon überzeugt sein, sie selbst zu sein und ihr eigenes Leben weiterzuführen. Der Rekonstruierte sowie der aus dem Koma Erwachte haben mit ihrem vorhergehenden "Stadium" nicht nur Körperstruktur, Geschichte, Anlagen, Erinnerungen, Wünsche, Gefühlsleben und Denkweise gemeinsam, sondern sie sind vor allem einmalig. Allerdings sind die Atome, aus denen der Rekonstruierte besteht, nicht mehr identisch bis auf einige Billionen, die man der Zellprobe entnehmen könnte.
 

 

Kein Original

 

 

 

    Entscheidend für eine gerechtfertigte Gleichstellung von Komapatient und Rekonstruiertem ist allerdings, dass die Rekonstruktion einmalig und nach dem biologischen Tod erfolgt. Außerdem sollten Veränderungen an Körper und Bewusstsein die im Kapitel "Zielstellung" aufgeführten Grenzen nicht überschreiten. Das heißt, außer maximal 10% Erinnerungsverlusten sollten keine Veränderungen auftreten.
 

 

 

 

 

    Theoretische Grundlage dieser Gleichstellung ist die Annahme, dass alles, was einen Menschen ausmacht, prinzipiell analysier- und kopierbar ist. Dem Menschen wird also mit Ausnahme seiner Komplexität keine Sonderstellung in der Natur zugebilligt.
 

 

 

 

 

    Diese Annahme wiederum wurzelt auf der Feststellung, dass es bisher keine nachvollziehbaren Beweise gibt, die prinzipiell gegen die Analysier- und Kopierbarkeit sprechen jedenfalls sind mir keine bekannt und auch kein Kollege, Kritiker oder Leser konnte mir bisher einen nennen. Und glauben Sie mir, das liegt nicht daran, dass nur wenige interessiert sind, irgendetwas Höheres im Menschen und seinem Bewusstsein zu entdecken. Im Gegenteil, sogar Wissenschaftler, die sich mit der Entschlüsselung des menschlichen Bewusstseins beschäftigen, versuchen manchmal bei bisher ungeklärten Phänomenen zu beweisen, dass diese sich niemals erklären oder gar simulieren lassen.
 

 

 

 

 

    Der wohl aufwändigste Versuch, die Sonderstellung des Menschen beziehungsweise des Bewusstseins zu retten, berief sich auf das Gödelsche-Theorem. Es besagt im Wesentlichen: Jede auf Axiome basierende Methode hat unüberwindbare Grenzen. Doch zum halbwegs relevanten Argument würde dieses Theorem nur mit dem Beweis werden, dass menschliches Bewusstsein die gödelschen Grenzen überwinden kann. Bisher gibt es diesen Beweis nicht. Jedenfalls sind intuitiv oder gefühlsmäßig getroffene Entscheidungen höchstens ein Indiz, da sie mittels Wahrscheinlichkeitsabwägungen und evolutionären Algorithmen simulierbar sind.
 

 

 

 

 

    Besonders Forscher und Techniker, die Maschinen mit Fähigkeiten ausrüsten, welche bisher dem Menschen vorbehalten waren, stehen im Kreuzfeuer. Doch kaum ist eine These formuliert, warum dieses oder jenes niemals möglich sein wird, haben Praktiker sie schon widerlegt oder zumindest erschüttert. Beispiele aus der letzen Zeit sind Apparate, die Gefühlsregungen durch Auswertung der Gesichtszüge schneller und präziser als ein Mensch erkennen; ein Schachcomputer, der den Weltmeister schlägt und Spracherkennungssoftware, die sich selbst verbessert.
 

 

 

 

 

    Vorausgesetzt, die Wissenschaft hat nicht etwas Entscheidendes übersehen, dann existiert auch eine Seele im mystischen Sinne nur im Bewusstsein derer, die aus welchen Gründen auch immer daran glauben wollen oder müssen. Und daraus folgt unerbittlich: Stirbt ein Mensch, ohne geeignete Vorkehrungen für die Wiederherstellung seines Körpers und Bewusstseins zu hinterlassen, endet unwiderruflich die Gesamtheit dessen, was ihn als Menschen ausmachte. Allerdings bleiben Teile mehr oder weniger lange "lebendig" beispielsweise seine Werke und Ideen sowie die Erinnerung an ihn, und falls er eigene Kinder erzogen hat, auch Teile seiner Denkmuster und Erbanlagen.
 

 

 

 

 

    Doch abstrakte Überlegungen sind bei der Suche nach der Identität des Rekonstruierten nur bedingt tauglich. Eventuell ist es hilfreicher, wenn Sie versuchen, mit folgenden Gedankenexperimenten aus der Ich-Perspektive eine eigene Antwort zu finden:
 

 

 

 

  1.

Angenommen, Sie fallen in ein 10-jähriges Koma. (Durch den natürlichen Stoffwechsel werden während dieser Zeit 99% ihrer Moleküle ausgetauscht.) Nach Erwachen und Rehabilitation entsprechen 95% der Eigenschaften und Fähigkeiten Ihres Körpers und Bewusstseins wieder dem Zustand vor dem Koma. Allerdings sind 10% aller Erinnerungen unwiederbringlich verloren.
 

 

 

 

 Frage:

Handelt es sich Ihrer Meinung nach bei dem aus dem Koma Erwachten um Sie selbst und wenn ja, wäre für Sie ein Leben trotz der Veränderungen noch lebenswert?
 

 

 

 

 2.

Angenommen, Sie fallen ins Koma und es wäre heute machbar und erforderlich, Sie durch vollständige Rekonstruktion zu heilen. Dazu wird innerhalb einer Zehntelsekunde Ihr Körper schichtweise abgetragen. Gleichzeitig werden die in der Körperstruktur enthaltenen Informationen über Körper und Bewusstsein entschlüsselt und erfasst (Erbinformationen, Denkmuster, Assoziationen, Erinnerungen usw.). Auf Grundlage dieser Informationen entwickelt dann eine intelligente Maschine einen atomgenauen Bauplan und rekonstruiert damit einen Menschen. Die Eigenschaften und Fähigkeiten von Körper und Bewusstsein dieses Menschen sind zu 95% mit denen identisch, die Sie vor dem Koma besaßen. Allerdings sind 10% aller Erinnerungen unwiederbringlich verloren.
 

 

 

 

 Frage:

Handelt es sich Ihrer Meinung nach bei dem Rekonstruierten um Sie selbst und wenn ja, wäre für Sie ein Leben trotz der Veränderungen noch lebenswert?
 

 

 

 

 

Sie können das letzte Gedankenexperiment nun abwandeln, indem Sie annehmen, dass die Erfassung der zur Rekonstruktion erforderlichen Informationen 1 000 Stunden dauert, zu Lebzeiten erfolgt und dass die Rekonstruktion erst in 70 Jahren geschieht. Wenn Sie sich dann noch mit dem Rekonstruierten identifizieren können, ist für Sie die Identitätsfrage beantwortet.
 

 

 

 

 

    Übrigens sind Gedankenexperimente auch ein probates Mittel, um Fragestellungen ins Absurde zu führen. Nimmt man beispielsweise an, dass jemand aus den Daten mehr als eine Person rekonstruiert, entstehen sofort paradoxe Situationen wer kann sich schon mit zwei Menschen gleichzeitig identifizieren? Durch diese anscheinend legitime Erweiterung verwandelt sich die Rekonstruktion in eine alptraumhafte Vervielfältigung von Körper und Bewusstsein.
 


 

 

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