Es ist ein bestechend einfacher Gedanke, Menschen kurz nach dem Tode durch Einfrieren zu konservieren, um sie später zu reanimieren. Immerhin ist es Laboralltag, Zellen in den Kältetod zu versetzen und nach beliebig langer Zeit zu reanimieren. Aber so einfach die Idee so schwierig die Ausführung. In vielen Ländern ist es den Anhängern der sogenannten Kryonik schon aus rechtlichen oder religiösen Gründen verboten, so mit einem Leichnam zu verfahren. Und auch wenn der Leichnam im Kryonikerjargon "Patient" heißt, bleibt er doch im juristischen Sinn tot. Das ist zumindest aus Sicht der Erben erfreulich, da sich ansonsten Lebensversicherungsgesellschaften um die Auszahlung drücken könnten.
 

 

 

 

 

    Aber auch der Einfriervorgang ist eine diffizile Angelegenheit. Um Gewebsschäden durch Eiskristalle zu verringern, entziehen Spezialisten mit raffinierten Verfahren dem Körper das Wasser und ersetzen es durch eine Art Frostschutzmittel. Das Abkühlen erfolgt dann in kleinen Schritten über mehrere Tage verteilt. Anschließend wird der Körper kopfüber in Tanks mit flüssigem Stickstoff gehängt und so bei minus 196° Celsius für den Tag-X aufbewahrt. Alternativ wird lediglich der Kopf eingefroren.
 

 

 

 

 

    Aufgrund dieser Vorgehensweise entstehen über einen unbestimmten Zeitraum Lager- und Kühlkosten. Zudem ist unklar, ob die Verbindungen zwischen den Nervenzellen so gut erhalten bleiben, dass sich die Verbindungspunkte rekonstruieren lassen. Denn ist die Nervenzellenvernetzung und damit ein wichtiger Träger der Bewusstseinsinformationen nicht mehr existent, kann bei dieser Methode keine Technik der Zukunft die Rekonstruktionsinformationen zurückgewinnen. Selbstverständlich dürfen deshalb auch keine unwiederbringlichen Zerstörungen an der Nervenvernetzung durch Unfall, Alter oder Krankheit vorliegen. Dieses ist allerdings ein Widerspruch in sich, denn oft ist genau das die Todesursache. Ein wahrer Alptraum der Kryoniker ist, wenn als Todesursache Selbstmord, Unfall oder Mord in Betracht kommt. Dann verfügen behördliche Stellen nämlich meist die Autopsie.
 

 

 

 

 

    Sollte sich herausstellen, dass stoffwechselabhängige Vorgänge sowie Strukturen innerhalb der Nervenzellen zur Rekonstruktion erforderlich sind, ergibt sich ein weiteres Problem: Da solche Informationsträger wenige Minuten nach dem Ableben, ohne eine verwertbare Spur zu hinterlassen, zerfallen könnten, müsste der Einfriervorgang wenige Minuten nach dem Tode abgeschlossen sein und das ist bisher praktisch unmöglich. Der hingegen nur bei todkranken Kryonikern denkbare Ausweg, bereits vor dem erwarteten Ableben mit dem Einfrieren zu beginnen, ist ethisch und rechtlich höchst bedenklich. Daran ändert auch eine ausdrückliche Willenserklärung nichts.
 

 

 

 

 

    Trotz aller Einschränkungen ist meiner Einschätzung nach die Kryonik gegenwärtig die erfolgversprechendste Technologie zur Herstellung der Reanimationsvoraussetzungen. Amerikanische Gesellschaften wie die "Alcor Life Extension Foundation" in Arizona, TransTime im nordkalifornischen Oakland, BioPreservation im südkalifornischen Rancho Cucamonga und die "American Cryonics Society" (ACS) nahe San Francisco bieten dieses als Dienstleistung an und arbeiten ständig an der Verbesserung des Verfahrens. Gute Informationsquellen für Entwicklungen auf diesem Gebiet, sind folgende Adressen:

 

Die wohl beste Alterna-
tive

 

 

 

Ein vom Prinzip her ähnliches Verfahren ist die chemische Konservierung. Bei ihr wird das im Körpergewebe befindliche Wasser durch eine Chemikalie ersetzt, die innerhalb weniger Tage die empfindlichen Eiweißmoleküle in haltbare Polymere umwandelt. Der Lageraufwand ist aber geringer, da die Kühlung entfällt. Ansonsten gelten die Einschränkungen der Einfriermethode.
 

 

 

 

 

    Andere Lösungsansätze verfolgen Verfahren, bei denen Daten zum Körper und Bewusstsein erfasst werden. Auch die RAMCES-Methode gehört dazu. Allerdings haben die mir bekannten Alternativmethoden den Nachteil, dass zur Schaffung der Rekonstruktionsvoraussetzungen heute noch nicht verfügbare Techniken erforderlich sind. Gegenwärtig sind folgende Varianten in der Diskussion:
 

 

 

 

 

Herunterladen des Gehirninhaltes durch neuronale Schaltkreise im oder am Gehirn
 

 

 

 

 

Abtasten der neuronalen Struktur mit Röntgenstrahlen
 

 

 

 

 

schichtweises Abtragen des Gehirns, wobei die Struktur erfasst wird
 

 

 

 

 

 Nanoroboter, die die Gehirnstruktur analysieren
 

 

 

 

 

Der fraglos beste Weg, Menschen eine längere Existenz zu ermöglichen, ergibt sich, wenn es gelänge, die Alterungsprozesse zu verlangsamen oder abzustellen. Noch vor 110 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei zirka 40 Jahren. Erst bessere Lebensbedingungen und die Medizin des 20. Jahrhunderts bewirkten, dass Menschen über 80 Jahre zumindest in den Industrieländern keine Seltenheit mehr sind. Den Rekord hält wohl die Französin Jeanne Calment, die am 5. August 1997 relativ rüstig im Alter von 122 Jahren starb. Immerhin erlebte sie noch Vincent van Gogh persönlich.
 

 

Medizin

 

 

 

    Alterungsprozesse sind dafür verantwortlich, dass sich die körpereigenen Eiweiß-, Fett-, Zucker- und Erbmoleküle verändern, wodurch sich die Augenlinsen eintrüben, Arterien verstopfen, Zellen absterben und Gelenke versteifen. Die zu Grunde liegenden Ursachen sind außerordentlich komplex. Trotz intensiver Forschung fand man bislang keine umfassende Erklärung für die Alterung. Gleichwohl ist es gelungen, bei Fruchtfliegen und Fadenwürmern die durchschnittliche Lebensdauer um über 300% zu erhöhen. Das geschieht unter anderem durch Zuchtauswahl und Genmanipulation. Man vermutet nun, dass die durchschnittliche Lebenserwartung höherer Lebewesen genetisch festgelegt ist. Seither identifizierte man drei Alterungsgene.
 

 

 

 

 

    Eines entdeckte 1997 ein Japanisches Forscherteam des National Institute of Neuroscience in Tokyo. Sie nannten es Klotho-Gen nach der Tochter des Gottes Zeus, die den Lebensfaden spinnt. Dieses Gen befindet sich beim Menschen auf dem langen Arm des 13. Chromosoms. Mäuse, bei denen das Klotho-Gen beschädigt ist, beginnen schon nach vier Wochen an Altersgebrechen zu leiden und sterben nach spätestens 10 Wochen.
 

 

 

 

 

    Ein weiteres, das sogenannte WRN-Gen, wurde von amerikanischen Forschern 1996 entdeckt. Es löst beim Menschen das Werner-Syndrom aus. Erkrankte leiden früh an Herzproblemen, Sehstörungen und Knochenschwund. Sie erreichen häufig nur das 45. Lebensjahr. Dieses Gen befindet sich auf dem kurzen Arm des achten Chromosoms.
 

 

 

 

 

    Nach Ansicht einiger Forscher könnten aber noch bis zu 7000 Gene beim Alterungsprozess eine Rolle spielen. Aufgrund des zu geringen Wissensstandes und vorher zu klärender ethischer Grundfragen wird die Lebensverlängerung durch Erbgutveränderung für die meisten heute lebenden Menschen keine Bedeutung erlangen. Außerdem bleibt bei diesem Verfahren das Todesrisiko durch Unfall unberührt.
 

 

 

 

 

    Die älteste Möglichkeit und zugleich die Wurzel des Lebens scheint die Fähigkeit von Lebewesen zu sein, sich selbst durch Vermehrung zu überliefern. Bakterien haben das Problem elegant gelöst, indem sie sich durch Teilen kopieren. Geschlechtliche Lebewesen sind immerhin fähig, 50% ihrer Erbanlagen weiterzugeben. Der Mensch ist darüberhinaus in der Lage, beträchtliche Anteile von erworbenen Fähigkeiten und Wissen an seine Nachkommen und Mitmenschen weiterzureichen. So gesehen enthält der Satz: "Wir leben in unseren Kindern und Werken weiter.", eine tiefe Wahrheit.
 

 

Zurück zu den Wurzeln

 

 

 

    Zweifellos wird dabei aber nur eine Mischung aus Erbinformationen und Bewusstseinsbestandteilen weitergegeben. Auch geklonte Nachkommen sind kein Ausweg, da ein indentischer Körper in diesem Fall kein identisches Bewusstsein bedeutet. Somit sind Kinder eher im übertragenen Sinn eine alternative Form der Existenzverlängerung aber mit Sicherheit die Schönste.
 


 

 

 

 

 

Kinder sind eine Art Lebensversicherung. Die einzige Art der Unsterblichkeit, der wir sicher sein können.
 

 

 

 

 

Peter Ustinov
 

 

 

[Homepage]